Zur Freiheit befreit! Ja. Amen. Vielleicht wäre das die kürzeste und zugleich treffendste Andacht zu diesem Bibelvers. Jedes „Ja, aber“, so angemessen es inhaltlich auch sein mag, läuft Gefahr, dass diese zentrale Aussage in den Hintergrund tritt: Wir sind befreit. Gott hat uns zur Freiheit befreit.
Schon das Alte Testament erzählt davon: Die Befreiung aus der Sklaverei. Gott, der sein Volk in die Freiheit führt. Die biblischen Autoren haben offenbar schon damals den Weg durch die Wüste als Einübung in diese Freiheit verstanden: Immer wieder findet sich in den Geboten, die Israel von seinem Gott erhält, der Verweis auf die Befreiung als Ursprung und Ziel – nicht nur für sich selbst, sondern für alle. Das biblische Sabbatgebot beispielsweise bezieht sich explizit nicht nur auf jüdische Menschen, sondern es regelt: „Deine Sklavin und dein Sklave sollen ruhen wie du. Denk daran, dass du selbst in Ägypten Sklave gewesen bist.“ Dass es überhaupt noch Sklaverei gab in Israel, und dass auch das Neue Testament an keiner Stelle eine eindeutige Verurteilung der Sklaverei enthält, bleibt ein empfindlicher Schmerzpunkt des biblischen Glaubens. Der Weg in die Freiheit endet nicht mit dem hinteren Buchdeckel der Bibel, das ist ganz deutlich.
Immer wieder neu stellt sich die Frage, was eigentlich Freiheit ist. Für Paulus in seiner Zeit war es Ausdruck der christlichen Freiheit, dass Menschen in seinen Gemeinden ihre nichtjüdische Herkunft nicht ablegen müssen, um an den Gott der Bibel zu glauben. Diese Freiheit hat er immer wieder verteidigt, oft mit unangenehmer Schärfe gegenüber denen, die seine Gemeindeglieder von der Beschneidung überzeugen wollten.
Die Menschen der Reformationszeit haben den Ruf zur Befreiung zum Anlass genommen, um religiöse Regeln ihrer Zeit auf den Prüfstand zu stellen – den Ablasshandel zum Beispiel, die bis ins Detail ausgearbeiteten Fastenregeln, das Verbot der Ehe für Priester, das Halten von Gottesdiensten in lateinischer Sprache. Sich eine eigene Meinung bilden können – das war ein zentraler Gedanke damals!
Und heute? Ein freier und aufgeklärter Umgang mit der Bibel, ein ehrlicher Blick auch darauf, wo die Menschen früher den Befreiungsgedanken nicht zu Ende gedacht haben, die Offenheit, auch sich selbst immer wieder zu hinterfragen, scheinen mir wichtig. Menschen wahrnehmen und annehmen, so wie sie sind. Zugleich sich selbst und die eigenen Grenzen ernst nehmen. Nicht jeder Erwartung vorauseilend entsprechen wollen. Gleichzeitig offen bleiben für die Bedürfnisse und Perspektiven anderer, die ja das selbe Recht und die gleiche Würde haben wie ich. Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Diese Freiheit dürfen wir auch einander gönnen.
Hauke Not
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