Am späten Nachmittag sitzt Jonas in seinem Auto auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt. Auf seinem Handy leuchtet eine Nachricht von Julia, seiner Kollegin: „Ich durfte Frau Krüger heute Morgen erklären, warum sie vor verschlossener Tür stand, wenn wir uns doch angeblich im Team die Verantwortung teilen, könntest du ja vielleicht auch wohl mal ab und zu meine Termine checken, bevor du dich wieder ins Wochenende verpisst.“ Eine Nachricht, die sitzt. Jonas liest den Text zum vierten Mal. Seit Wochen haben beide an einem Projekt gearbeitet mit einer wichtigen Kundin. Die Aufgaben waren klar verteilt. Jonas hat die Unterlagen vorbereitet, die Präsentation überarbeitet und die Zahlen für das Gespräch zusammengestellt. Julia führt die Termine mit den Kundinnen und Kunden. Sie hat den Termin mit Frau Krüger vereinbart. Am Freitagmittag hat sie noch zu ihm gesagt: „Mit Frau Krüger ist alles klar. Du kannst los.“ Jonas hat seine Sachen gepackt, ihr ein schönes Wochenende gewünscht und das Büro verlassen. Heute Morgen stand Frau Krüger vor verschlossener Tür.
Der Termin war in Julias Kalender stehen geblieben. Sie hatte ihn nicht in den gemeinsamen Plan eingetragen. Im Büro war niemand vorbereitet. Julia hatte Frau Krüger erklären müssen, warum sie umsonst gekommen war.
Jonas weiß genau, was passiert ist. Und er weiß auch: Die Nachricht auf seinem Handy erzählt eine andere Geschichte. Aus Julias Fehler wird plötzlich sein Versäumnis. Aus ihrer Verantwortung wird ein Vorwurf gegen ihn. Mal wieder. Seine Finger huschen schon auf der Tastatur. Die Antwort ist schon im Werden: „Deine Termine, Julia. Deine Kundin. Deine Verantwortung. Und weil du wieder mal mit deinen Gedanken woanders bist, soll ich jetzt dein Boxsack sein?“ Er könnte noch mehr schreiben. Er kennt ihre Schwachstellen. Er weiß, wie schnell sie sich angegriffen fühlt. Er weiß auch, welche Sätze sie besonders treffen würden. Er weiß auch von dem Arzttermin, den sie letzte Woche hatte. Worüber sie sich gerade Sorgen macht. Aber ein Teil von ihm ist das völlig egal. Ein Teil von ihm möchte, dass Julia sich schämt. Er will, dass sie am eigenen Leib fühlt, wie ungerecht ihre Nachricht gewesen ist. Er möchte ihr den ganzen Ärger zurückgeben, Wort für Wort. Und noch ein bisschen mehr. Auf dem Display blinkt der Cursor.
Der Apostel Paulus sagt: „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Römer 12,21)
Das Böse gewinnt, wenn es bestimmt, wie ich weiterrede, weiterdenke und weiterhandle. Paulus stellt dem Bösen etwas Anderes entgegen: Das Gute tut nicht so, als wäre nichts geschehen. Es verweigert dem Unrecht aber die Macht, den nächsten Schritt vorzuschreiben. Es kann Scham wecken. Es kann ein Gespräch ermöglichen. Es kann einen neuen Anfang öffnen. Und der Anfang kann dann z.B. so aussehen: Eine Antwort nicht sofort abzuschicken.
Jonas auf dem Parkplatz spürt diese Spannung. Er schreibt an diesem Abend keine Antwort. Er legt das Telefon weg. Am Montag treffen Jonas und Julia sich im Büro. Jonas sagt: "Deine Nachricht hat mich getroffen. Ich möchte mit dir darüber sprechen." Wie Julia reagieren wird, weiß er noch nicht. Doch er hat die Kette der Verletzung an dieser Stelle unterbrochen.
Evangelisch-reformierte Kirchengemeinde Nordhorn
Am Markt 1
48529 Nordhorn
Tel.: 05921 / 82 11 0
Montag – Freitag 9:30 – 12.30 Uhr
Dienstag, Donnerstag 14:00 – 16:00 Uhr